Als vil bist dû in gate, als vil dû bist in vride, und als vil ûz gote, als vil dû bist ûz vride. Ist iht eines in gote, daz selbe hat vride. Als vil in gote, als vil in vride. Dar ane kenne, wie vil dû in gote bist und ob ez anders ist: ab dû vride oder unvride hâst; wan, wâ dû unvride hâst, in dem muoz dir van nôt unvride sîn, wan unvride kumet van der crêatûre und niht van gote. Ouch enist nihtes in gote, daz ze vûrhtenne sî; allez, daz in gote ist, daz ist aleine ze minnene.
So viel bist Du in Gott, so viel du in Frieden bist, und so viel ausser Gott,
wie du auser Frieden bist. Ist etwas nur in Gott, so hat es Frieden. So viel
in Gott, so viel in Frieden. Wieviel du in Gott bist, wie auch, ab dem nicht
so sei, das erkenne daran: ab du Frieden oder Unfrieden hast. Denn wo du
Unfrieden hast, darin musst du notwendig Unfrieden haben, denn
Unfriede kommt van der Kreatur und nicht van Gott. Auch ist nichts in
Gott, das zu fürchten wäre; alles, was in Gott ist, das ist nur zu lieben.
Sant Anselmus sprichet ze der sêle: entziuch dich ein wênic van der unruowe
ûzwendiger werke. Ze dem andern mâle: vliuch und verbirc dich vor dem sturme
inwendiger gedanke, die auch unroawe machent in der sêle. Ze dem dritten
mâle: entriuwen, niht enmac der mensche gote liebers erbieten dan ruowe.
vastennes und betennes und aller kestigunge enahtet nach enbedarf got
zemâle niht wider der ruowe. Got enbedarf nihtes, wan daz man im ein ruowic
herze gebe.
Sankt Anselmus spricht zu der Seele: Zieh dich ein wenig aus der Unruhe
ausserer Werke. Zum zweiten: Flieh und verbirg dich vor dem Gestürm
innerer Gedanken, die ebenfalls grosse Unruhe in die Seele bringen. Zum
dritten: Fürwahr, der Mensch kann Gott nichts Lieberes bieten als Ruhe. Des
Fastens, Betens und aller Kasteiung achtet und bedarf Gott nicht, im
Gegensatz zur Ruhe. Gott bedarf nichts weiter, als dass man ihm ein ruhiges
Herz schenke.
Swenne daz lieht abevellet, sô wirt ez âbent; swenne alliu diu werlt abevellet
van der sêle, sô ist ez âbent, sô kumet diu sêle in eine ruowe. In der stille
und in der ruowe […] da sprichet got in die sêle und sprichet sich alzemâle in die sêle.
Wenn das Licht hinschwindet, dann wird es Abend; wenn die ganze Welt
van der Seele abfällt, dann ist es Abend, dann kammt die Seele zur Ruhe.
In der Stille und in der Ruhe, […] dart spricht Gott in die Seele und spricht sich ganz in die Seele.
Meister Eckhart (ca. 1260-1328)